Am Vormittag des 15. Juni wurde das P-Seminar Geschichte der elften Klasse von einem besonderen Besuch beehrt. Die Schülerinnen und Schüler des P-Seminars haben die Aufgabe, die Geschichte unseres Gymnasiums zu recherchieren, um die Ergebnisse in einer Ausstellung für das 625-jährige Schuljubiläum zu präsentieren. Aus diesem Grund freute sich das Seminar über den Besuch einer ehemaligen Schülerin dieser Schule, Frau Heinlein. Ab 1950 besuchte sie das damalige „Progymnasium mit Realschule“, nachdem die Bildungsinstitution ab 1919 den Zugang auch für Mädchen gewährte.
Es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen der Schule damals und der Schule, die wir heute besuchen, so Frau Heinlein einleitend. Das zeige sich allein schon im Umgang der Lehrer mit den Schülern damals. Frau Heinlein beschrieb aus ihrer Erinnerung eine strenge Atmosphäre, die einem „fast Angst einjagte“. Ebenso waren die Lehrer alle älter und standen kurz vor der Pensionierung – die meisten hatten vor dem zweiten Weltkrieg studiert. Im Vergleich dazu jedoch meinte sie, dass das heutige Schulsystem „mehr Chancen“ bieten würde und „demokratischer“ sei.
Auch über die NS-Zeit berichtete sie. „Es war eine gefährliche Zeit. Man hat nie seine eigene Meinung sagen können.“ Lehrer konnten es sich nicht leisten, der Partei nicht beizutreten, geschweige denn, eine andere als die offizielle Meinung zu haben. Proteste? Ganz sicher nicht, da gab es keine. Sie betonte eindrücklich, was für eine schlimme Zeit es war und was für eine riesige Angst in der Bevölkerung herrschte.
Als wir sie fragten, ob und wie das Thema in ihrer Schulzeit besprochen wurde, atmete sie laut ein und schüttelte den Kopf. Die Nazizeit wurde nicht besprochen. „Es war ein komplettes Tabu. Viele Leute waren schwer belastet“. Viele Lehrer waren ehemalige Nazis, die anderen trauten sich nicht, Stellung zu beziehen. Auf Nachfrage der damaligen Schülerinnen und Schüler in den 1950ern wurde im Unterricht gesagt: „Das ist vorbei.“ – und dann wurde das Thema ganz schnell gewechselt. Auch außerhalb der Schule war es ein großes Tabu. Erst 20 Jahre nach dem Geschehen wurde diese schreckliche Zeit in die Geschichtsbücher und damit in den Unterricht aufgenommen, so Frau Heinlein.
Sie schaute uns allen in die Augen. „Nie wieder. Nie wieder darf so etwas jemals passieren.“
Zur Abrundung gab Frau Heinlein uns noch mit, immer „anständig [zu] bleiben“ und fügte hinzu: „Humor ist das wichtigste im Leben“.
Glücklicherweise wird die Zeit des Nationalsozialismus heute eingehend thematisiert, statt zu versuchen sie totzuschweigen. Es ist ein wichtiger Bestandteil des Geschichtsunterrichts, aber auch außerhalb von diesem wird dieser Teil der deutschen Geschichte in anderen Fächern eingehend besprochen. Heutzutage ist es wichtig, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Es geht darum, demokratische Werte zu verteidigen, Diskriminierung nicht zu tolerieren und – vielleicht am wichtigsten – aufmerksam zu bleiben.
Julius Daut (11a)

