- 2009/2010
- 2008/2009
Steller Gesellschaft
Wissenschaft trifft Schule
Unter diesem Motto stand der Besuch einer Gruppe internationaler, hochkarätiger Wissenschaftler, die sich alle mit unterschiedlichen Aspekten der Sibirienforschung zu Zeiten Georg Wilhelm Stellers beschäftigten, an unserem Gymnasium. Im Rahmen der Deutsch-Russischen Begegnungen 2009, die von der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft in Halle in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und den Franckeschen Stiftungen zu Halle veranstaltet wurden, traf sich dort eine Gruppe russischer, niederländischer, amerikanischer und deutscher Sibirienforscher zu Vorträgen und Diskussionen. Nach eineinhalb Tagen wissenschaftlichen Erfahrungsaustausches stand am Samstag, den 24. Oktober, eine Exkursion nach Bad Windsheim, dem Geburtsort Stellers, auf dem Programm. Damit wollte man den fränkischen Forscher anlässlich seines 300. Geburtstages besonders würdigen.
Empfangen wurde die ca. 30-köpfige Reisegruppe in Bad Windsheim von Herrn Volkert, der nach dem Einchecken in die Unterkünfte die Gäste auf den Spuren Stellers durch die Stadt führte. Der Nachfolgebau von Stellers Geburtshaus mit der dort angebrachten Erinnerungstafel sowie der Standort des geplanten Stellerdenkmals waren genauso Stationen wie am Dr. Martin-Luther-Platz das Rektorenhaus, die alte Lateinschule und die Kilianskirche, wo Stellers Vater als Kantor gewirkt hatte und auch Georg Wilhelm als Lateinschüler und Alumne in das gottesdienstliche Leben integriert war.
Herr Uhlmann, der ehemalige Stadtkantor und darüber hinaus engagierter Stellerforscher, präsentierte die Sehenswürdigkeiten der Kilianskirche und spielte auf der Orgel Musik aus Stellers Zeit.
Danach steuerten die Besucher das Georg-Wilhelm-Steller-Gymnasium an, wo sie vom Schulleiter, Herrn Dr. Ingrisch, begrüßt wurden. Gestärkt durch einen von Frau Engelhardt, der Elternbeiratsvorsitzenden, vorbereiteten kleinen Imbiss besichtigten sie die Räumlichkeiten und verschafften sich einen Überblick über die Aktivitäten, die die Schule im Steller-Gedenkjahr zur Würdigung ihres Namensgebers initiiert hatte.
Die anschließende Podiumsdiskussion erwies sich nicht nur als äußerst lehrreich, was angesichts der geballten Fachkompetenz der Referenten nicht weiter verwunderlich war, sondern auch als sehr interessant und kurzweilig. Das lag zum einen daran, dass die Vorsitzende der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft und Organisatorin der Exkursion, Frau Dr. Hintzsche, souverän moderierte, aber auch die Podiumsteilnehmer trugen dazu bei. Sie verstanden es das Motto der Veranstaltung „Wissenschaft trifft Schule“ gekonnt umzusetzen und erläuterten kurz, präzise und sehr anschaulich ihre Forschungsergebnisse. Herr Dr. Han F. Vermeulen aus Leiden hob die Bedeutung Stellers für die Ethnographie Sibiriens hervor. Steller habe in seinem Werk „Beschreibung von dem Lande Kamtschatka“ ca. die Hälfte der Kapitel ethnographischen Aspekten gewidmet. Dieses Thema sei ihm sehr wichtig gewesen und er sei damit ein Wegbereiter der sich im 18. Jahrhundert erst langsam entwickelnden Ethnographie gewesen. Frau Dr. Margritt Engel aus Anchorage, die einige von Stellers Werken ins Englisch übertragen hatte, ging kurz darauf ein, wie in Alaska Stellers 300. Geburtstag begangen wurde. Die dortigen Aktivitäten seien insgesamt sehr dürftig gewesen und nicht vergleichbar mit den umfangreichen und sehr vielseitigen in Bad Windsheim. Ausschnitte aus einem sowjetischen Dokumentarfilm der 1970er Jahre über Steller präsentierte Herr Dr. Vladimir A. Abašnik aus Char´kov. Seinen Worten nach taucht die Person Stellers nur in einem einzigen historischen Sowjetfilm auf und wird dann auch noch negativ gezeichnet als Lutheraner und Ausländer, der völlig unbeherrscht vor Bering sogar den Degen zieht, um die Genehmigung zum Landgang an die Küste Alaskas zu erhalten. Hintergrund für diese einseitige Stellerdarstellung sei Stellers Eintreten für die Ureinwohner Kamtschatkas und seine Kritik an den Herrschaftsmethoden der russischen Eroberer. Deshalb seien Stellers Werke in der Sowjetunion kaum publiziert worden, wenn doch, dann nur in verkürzter Form ohne die entsprechenden als systemkritisch empfundenen Passagen. Frau Tjan Zaotschnaja, die Sprecherin der Gesellschaft für bedrohte Völker, informierte kurz über Stellers Bedeutung für die Itelmenen und eine weitere Filmsequenz zeigte die Enthüllung eines Denkmals in Tjumen, dem Ort, an dem Steller 1746 auf der Rückreise nach St. Petersburg verstarb. Weitere Podiumsbeiträge und Fragen aus dem Publikum beleuchteten andere Aspekte und zeigten die Bedeutung auf, die Steller heute noch beigemessen wird.
Summa summarum eine äußerst kurzweilige, sehr informative und interessante, teilweise weitgehend unbekannte Facetten von Stellers vielseitiger Tätigkeit beleuchtende Veranstaltung, der man ein etwas größeres Publikumsinteresse gewünscht hätte. Am Sonntag, den 25. Oktober, besuchten die Teilnehmer der deutsch-russischen Begegnungen noch die historische Stadtbibliothek Bad Windsheim und das Atelier des Malers Gerhard Rießbeck, der sich in seinen Bildern intensiv mit der Person Stellers beschäftigt hat und teilweise auf Stellers Spuren durch Kamtschatka gereist ist.
U. Herz
