Prüfungsangst
Sehr geehrte Eltern! Heute wende ich mich an Sie, da beim Thema Angst auch in erster Linie Sie gefordert sind. Sie können entscheidend dazu beitragen, die Prüfungssituation für Ihr Kind zu entschärfen. Sie können den Prüfungen den Charakter weltbewegender Ereignisse nehmen. Über die Zukunft und das Lebensglück entschieden nämlich noch wichtigere Dinge als Schulaufgaben und Noten. Wenn Ihnen die Angst Ihres Kindes als sehr belastend erscheint, so sollten Sie zusammen mit Ihrem Kind und den Lehrkräften eine sorgfältige Ursachenanalyse betreiben.
Handelt es sich um die sogenannte „Realangst“, d.h. ist Ihr Kind nervös, weil es zu wenig gelernt hat?
Ist die Angst vielleicht dadurch bedingt, dass Ihr Kind überfordert ist?
Handelt es sich um reine Prüfungsangst, die die Leistung Ihres Kindes verhindert, bzw. erheblich mindert?
Im Folgenden geht es nun um diese letztgenannte Form der Angst.
I) Was sind die Auslöser hierfür?
Negative Gedanken und Vorurteile können Ängste auslösen:
Nach dem Muster: „Ich kann ja sowieso nichts,“…“Ich bin mathematisch unbegabt“. Bei solchen Einschätzungen sind übrigens die Aussagen der Eltern für das Bild, das ein Kind von sich entwickelt, von entscheidender Bedeutung.
Auch Sätze wie: „Ich muss diese Prüfung bestehen“, oder „ich will/muss diese Note erreichen“, verstärken die Angst, falls das gesteckte Ziel zu hoch und unerreichbar ist. (Beispiel: Nach der Note 5 oder 6 plötzlich eine 2 oder 3 zu schaffen, ist meist unrealistisch).
Der Satz „Ich muss diese Note erreichen“ ist bei genauem Lesen unvollständig, die gedankliche Fortsetzung würde lauten: „… sonst passiert..“. Meist ist Ihrem Kind nicht klar, was dann „passiert“. Es stellt sich vielleicht eine Katastrophe vor, die seine Angst überdimensional werden lässt.
II) Die Ursachen für kindliche Ängste können verschieden sein:
Sie liegen z.B. im Elternhaus oder der Familie. Eine der Hauptursachen von Prüfungsangst sind überzogene Leistungsanforderungen der Eltern. Wichtig hierbei sind nicht nut ihre Aussagen dem Kind gegenüber, sonder vor allem die „Signale“, die sie setzen, wie z.B. ein trauriger Blick, eine enttäuschte Miene, etc. Auch Geschwisterrivalität spielt nicht selten eine wesentliche Rolle. Der Wettkampf um die Anerkennung der Eltern kann sehr belastend sein. Bestimmte Erziehungsstile fördern nicht das Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit der Kinder. Problematisch sind gleichermaßen autoritäres, verwöhnendes, keine Grenzen setzendes bzw. vernachlässigendes Erziehungsverhalten.
Ängste können auch im Klassenzimmer entstehen. Herabsetzende und gehässige Kommentare von MitschülerInnen können Ihr Kind verunsichern. Aber auch LehrerInnen können durch unpräzise Prüfungsanforderungen, überzogene Leistungsanforderungen oder übermäßigen Zeitdruck zur Verunsicherung beitragen. Wir hoffen, dass die beiden oben angesprochenen Faktoren für Ihr Kind nicht zutreffen. Wenn doch, so suchen Sie unbedingt das Gespräch mit dem Fachlehrer, bzw. dem Klassenlehrer.
Die Angst kann im Kind selbst seine Ursachen haben. Bereits am Jahresende der 5. Klasse beginnt unter Umständen bei manchen Kindern schon die Pubertät, die ja immer früher einsetzt – vor allem bei Mädchen. Diese Zeit ist gekennzeichnet von großer Verunsicherung oft hinter der Maske des „Coolen“ oder „Frechen“. Für andere sind schulische Erfolge auch der Ausgleich für andere Defizite (z.B. wenige Freunde); leiten nun diese Kinder ihr ganzes Selbstbewusstsein von guten Noten ab, dann erscheint jede einzelne Prüfung als eine Bedrohung.
III) Wie kann Kindern geholfen werden?
a) Was können Eltern tun?
Suchen Sie das Gespräch nicht nur mit Ihrem Kind, sondern auch mit anderen Eltern der Klasse um z.B. Besonderheiten der Klassensituation zu erfahren.
Loben Sie Ihr Kind viel, aber ehrlich und üben Sie hilfreiche Kritik.
Erhöhen Sie keinesfalls den Druck auf Ihr Kind.
Sport oder Entspannungsübungen (autogenes Training, Yoga, etc.) gekoppelt mit einer gründlichen Ursachenforschung helfen bestimmt die körperlichen Symptome zu reduzieren.
Geben Sie auf keinen Fall Medikamente. Gegen beruhigende Teesorten ist natürlich nichts einzuwenden, aber chemische Beruhigungsmittel bieten nur eine Scheinlösung, die wirkliche Problemursache wird nicht bekämpft.
b) Welche Beratungsmöglichkeiten gibt es? Scheuen Sie sich nicht Erziehungsberatungsstellen, den Beratungslehrer Herr Börner oder mich als Schulpsychologin aufzusuchen; wir sind gerade für die Behandlung dieser Schwierigkeiten ausgebildet. Beim Erkennen von typischen Symptomen wie Schlafstörungen, Alpträumen, morgendlicher Übelkeit, Flucht- oder Vermeidungstendenzen, Nervosität und Unruhe, Konzentrations- und Leistungsstörungen, Zittern, Schwitzen usw. sollten Sie als Eltern reagieren. Beratungsmaßnahmen können helfen den Leistungsdruck Ihres Kindes zu vermindern. Ich möchte mit dieser Information keineswegs Ihre Erziehungskompetenz in Frage stellen, bzw. mich in Ihr Erziehungsverhalten einmischen. Ich hoffen Sie verstehen diesen Brief als Gedankenanstoß und Hilfsangebot, um den uns gemeinsam anvertrauten Kindern bei Problemen zur Seite stehen zu könne.
Sandra Eckel